Goodbye Wittgenstein

Mo, 25. Juli – Mo, 8. August 2016 /// 
Bir­ming­ham ///

GOODBYE WITTGENSTEIN nimmt eine roman­ti­sche Lie­bes­be­zie­hung des öster­rei­chisch-bri­ti­schen Phi­lo­so­phen Lud­wig Witt­gen­stein (1889 – 1951) mit sei­nem jun­gen Freund David Hume Pin­sent (1891 – 1918) und die 1913 groß­teils in Bir­ming­ham ent­stan­de­nen „Notes on Logic“, den Vor­läu­fer des Trac­ta­tus Logi­co Phi­lo­so­phi­cus, zum Aus­gangs­punkt für eine Serie von Arbei­ten im öffent­li­chen Raum in Bir­ming­ham und Linz.

Im Rah­men eines Aus­tausch­pro­gramms zwi­schen Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus bei­den Städ­ten ver­we­ben sich dabei rea­le und fik­ti­ve Geschich­ten, um Witt­gen­stein zu neu­em Leben zu erwe­cken. Im Som­mer 2016 begibt sich qujOchÖ dazu nach Bir­ming­ham, um an ver­schie­de­nen Plät­zen, die mit dem Leben Witt­gen­steins und Pins­ents in Ver­bin­dung ste­hen, zu inter­ve­nie­ren. Die Arbeit wird u. a. im Rah­men eines öffent­li­chen Talks bei BOM Bir­ming­ham Open Media und am monat­lich statt­fin­den­den Kunst­fes­ti­val Dig­beth First Fri­day präsentiert.

Im Novem­ber 2016 kommt eine vier­köp­fi­ge Grup­pe von Künstler*innen rund um A3 Pro­ject Space nach Linz, wo Witt­gen­stein zwi­schen 1903 und 1906 die tech­nisch ori­en­tier­te „K.u.k. Real­schu­le“ besuch­te. Im Ate­lier­haus Salz­amt und im quitch wer­den sich Emi­ly War­ner, Tre­vor PittPete Ashton und Mike Johns­ton meh­re­re Wochen lang auf die Spu­ren des Phi­lo­so­phen heften.

GOODBYE WITTGENSTEIN in BIRMINGHAM | Arbeiten

I DESIRE LUDWIG’S HEAD FOR MY OWN PLEASURE
Sound Art im öffent­li­chen Raum: 6 Lautsprecher.

THE MEANING OF DICTATION
Per­for­ma­ti­ve Kunst im öffent­li­chen Raum: alter Tisch mit aus­klapp­ba­rem Hocker, Schreib­ma­schi­ne Adler No. 7 aus dem Jahr 1911, Papier, Blei­stif­te, Bei­spie­le für Laut­schrift, Audio-Aufnahmen.

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A LETTER TO DAVID
Medi­en­kunst: Post­kar­ten, Brief­mar­ken, Bleistifte.

CHAPEL OF THE LONELY HEARTS
Instal­la­ti­on im öffent­li­chen Raum: anti­ker Holz­schrank mit Spie­gel, LED-Herz, Foto­gra­fien, Aus­zü­gen aus Tage­bü­chern, Taschen­lam­pe, Sprach­auf­zeich­nung eines Briefes.

LOGIC := LOVE
Instal­la­ti­on im öffent­li­chen Raum: alte Holz­lei­ter, zwei Papa­gei­en, zwei Käfige.

(Für Tex­te zu den Arbei­ten, scrol­le ganz nach unten.)

(Fotos: qujOchÖ)

 

LOGIC := LOVE Video der Papageien
(Kamera/Bearbeitung: qujOchÖ)

I DESIRE LUDWIG’S HEAD FOR MY OWN PLEASURE Audio­da­tei­en der modu­lier­ten Oper „Salo­me“ von Richard Strauss Teil 1:
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I DESIRE LUDWIG’S HEAD FOR MY OWN PLEASURE Audio­da­tei­en der modu­lier­ten Oper „Salo­me“ von Richard Strauss Teil 2:
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THE MEANING OF DICTATION Dik­ta­te: http://qujochoe.org/archive/wp-content/uploads/themeaningofdictation_dictations.pdf

THE MEANING OF DICTATION Audio­auf­nah­men der ein­ge­spro­che­nen Diktate:
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CHAPEL OF THE LONELY HEARTS Audio­auf­nah­men des ein­ge­spro­che­nen Briefs von Ellen Pin­sent an Lud­wig Wittgenstein:
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GOODBYE WITTGENSTEIN in BIRMINGHAM | Ausstellung

Am Ende des Auf­ent­hal­tes in Bir­ming­ham wur­den die im öffent­li­chen Raum umge­setz­ten Arbei­ten bei dem monat­lich statt­fin­den­den, ein­tä­gi­gen Kunst­fes­ti­val Dig­beth First Fri­day im Rah­men einer Pop-Up-Aus­stel­lung präsentiert.

Alle fünf Inter­ven­tio­nen wur­den dazu in den Räum­lich­kei­ten der Off-Space-Gale­rie Stryx reinsze­niert. Die rund 300 Besu­che­rIn­nen konn­ten erneut den Schrank betre­ten und der Stim­me Ellen Pins­ents lau­schen, mit­hil­fe der alten Lei­ter einen Blick in einen Raum auf zwei Moni­to­re mit den kräch­zen­den Papa­gei­en wer­fen, ein Dik­tat auf der alten Schreib­ma­schi­ne tip­pen, über eine Sound­in­stal­la­ti­on die modu­lier­te „Salo­me“ von Richard Strauss füh­len und hören oder den Brief von Lud­wig an den jun­gen David vervollständigen.

(Fotos: qujOchÖ)

 

Links:
http://a3projectspace.org
http://www.bom.org.uk
http://digbethfirstfriday.com
http://www.linz.at/kultur/salzamt.asp
http://mikeinmono.blogspot.co.at
http://emily-warner.com
http://www.podprojects.org
http://www.peteashton.com
http://www.britishwittgensteinsociety.org/wittgenstein-linz-birmingham-art-project
http://www.kunstforum.de/nachrichten.aspx?id=11973

Sup­por­ted by Aus­tri­an Cul­tu­ral Forum Lon­don, BKA Kunst, Land Ober­ös­ter­reich und Stadt Linz.

GOODBYE WITTGENSTEIN in BIRMINGHAM | Tex­te zu den Arbeiten

I DESIRE LUDWIG’S HEAD FOR MY OWN PLEASURE
Sound Art im öffent­li­chen Raum: 6 Lautsprecher.

Gemein­sam mit sei­nem Freund David besuch­te der jun­ge Lud­wig Witt­gen­stein das letz­te Tri­en­ni­al Music Fes­ti­val in Bir­ming­ham in der Town Hall am 4. Okto­ber 1912. Bei dem Fes­ti­val wur­den unter ande­rem auch Aus­zü­ge aus Richard Strauss Oper „Salo­me“ gespielt. Witt­gen­stein wei­ger­te sich, der Auf­füh­rung bei­zu­woh­nen und ver­ließ ver­är­gert die Town Hall.

Für die­se Arbeit wur­den Tei­le der bei der Tri­en­nia­le auf­ge­führ­ten Oper auf ultra­ho­he Fre­quen­zen modu­liert. Die Auf­füh­rung fand am 29. Juli 2016 von 18 bis 21 Uhr am Vor­platz der Town Hall, dem Vic­to­ria Squa­re, statt. Die Mehr­ka­nal-Sound-Instal­la­ti­on glich einer Sonic Wea­pon und ver­wan­del­te die letz­te Sze­ne von „Salo­me“ in ein kon­tro­ver­ses Stück im öffent­li­chen Raum – vor allem für das jün­ge­re Auditorium.

THE MEANING OF DICTATION
Per­for­ma­ti­ve Kunst im öffent­li­chen Raum: alter Tisch mit aus­klapp­ba­rem Hocker, Schreib­ma­schi­ne Adler No. 7 aus dem Jahr 1911, Papier, Blei­stif­te, Bei­spie­le für Laut­schrift, Audio-Aufnahmen.

Am 7. Okto­ber 1913 dik­tier­te Lud­wig Witt­gen­stein „Notes on Logic“ an der Ber­litz School of Lan­guage, die sich damals in der Para­di­se Street 32 befand. Er trug sei­ne Arbeit zu Logik dabei in deut­scher Spra­che vor.

Bei die­ser Arbeit wur­den Pas­san­tIn­nen vor dem dama­li­gen Sitz der Ber­litz School of Lan­guage zu einem Dik­tat gebe­ten. Dazu wur­den Tei­le der „Notes on Logic“ in deut­scher Spra­che vor­ge­le­sen, wäh­rend die Pas­san­tIn­nen auf einer alten Schreib­ma­schi­ne ver­such­ten, das pho­ne­tisch Gehör­te best­mög­lich nie­der­zu­schrei­ben. Nach dem Dik­tat wur­den die ange­fer­tig­ten Ver­sio­nen der „Notes on Logic“ von den Pas­san­tIn­nen vor­ge­tra­gen und dies aufgezeichnet.

A LETTER TO DAVID
Medi­en­kunst: Post­kar­ten, Brief­mar­ken, Bleistifte.

Die­se Arbeit bezieht sich auf die Kor­re­spon­denz von David Hume Pin­sent und Lud­wig Witt­gen­stein. Im Som­mer 1915 befand sich Davids Unter­kunft an der Har­bor­ne Road in Edg­bas­ton in Bir­ming­ham. Das dor­ti­ge Haus gehör­te Ger­tru­de Dale, einer Freun­din der Pinsent-Familie.

In einer Rei­he von Brie­fen im Juni und Juli 1915 äußer­te David die Hoff­nung, Lud­wig wie­der zu tref­fen. Zuletzt hat­ten sie sich im Okto­ber 1913 gese­hen und seit­her mehr­fach geplant, wie­der gemein­sam in den Urlaub zu fah­ren. Mit dem Aus­bruch des ers­ten Welt­krie­ges soll­te es aber nicht dazu kom­men. David starb bei einem Flug­zeug­ab­sturz im Mai 1918. Was könn­te das Wich­tigs­te sein, das Witt­gen­stein sei­nem jun­gen Freund noch sagen woll­te, bevor er Bir­ming­ham verlies?

Mit der Arbeit wer­den Men­schen dazu ein­ge­la­den, Lud­wigs Brief an David zu been­den und die Post­kar­te in der nächs­ten Zeit an den aktu­el­len Besit­zer des Hau­ses in der Har­bor­ne Road 105, den 80 Jah­re alten Tho­mas Andrew Dono­ghue, zu senden.

Die von ihm gesam­mel­ten Post­kar­ten wer­den zu einem spä­te­ren Zeit­punkt ausgestellt.

CHAPEL OF THE LONELY HEARTS
Instal­la­ti­on im öffent­li­chen Raum: anti­ker Holz­schrank mit Spie­gel, LED-Herz, Foto­gra­fien, Aus­zü­gen aus Tage­bü­chern, Taschen­lam­pe, Sprach­auf­zeich­nung eines Briefes.

Davids Vater Hume Pin­sent kehr­te wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs zurück nach Bir­ming­ham. Er und sei­ne Frau Ellen wohn­ten in Litt­le Wick, einem Häus­chen auf dem Gelän­de des Sel­ly Wick House, der Hei­mat von Humes Bru­der Richard.

Ellen Pin­sent schrieb von hier aus an Lud­wig Witt­gen­stein, um ihn von Davids Tod zu infor­mie­ren, der am 8. Mai 1918 bei einem Flug­zeug­un­glück starb: „I want to tell you how much he loved you and valued your friendship up to the last. I saw him the day befo­re he was kil­led and we tal­ked of you. He spo­ke of you always with gre­at affection […]“

Witt­gen­stein ant­wor­te­te: „David was my first and my only friend. I have inde­ed known many young men of my own age and have been on good terms with some, but only in him did I find a real friend, the hours I have spent with him have been the best in my life, he was to me a bro­ther and a friend. Dai­ly I have thought of him and have lon­ged to see him again. God will bless him.“
Die Instal­la­ti­on bestand aus einem anti­ken, begeh­ba­ren Holz­schrank, der auf dem Bür­ger­steig vor dem Sel­ly Wick House abge­stellt wur­de. Im Inne­ren herrsch­te völ­lig Dun­kel­heit. Eine eigen­ar­ti­ge Atmo­sphä­re – zwi­schen Beklem­mung und Inti­mi­tät – mach­te sich breit.

Vor­bei­kom­men­de Pas­san­tIn­nen wur­den gebe­ten, den Schranks zu betre­ten. Folg­te man die­ser Ein­la­dung und nahm im Schran­kin­ne­ren Platz, ver­nahm man nach weni­gen Sekun­den die Stim­me einer alten Frau, die in vor­neh­men Bir­ming­ha­mer Dia­lekt Ellen Pins­ents Brief an Witt­gen­stein vor­las. Eine Taschen­lam­pe im Schran­kin­ne­ren ermög­lich­te es, Fotos und Tage­buch­ein­trä­ge des ver­stor­be­nen David zu entdecken.

LOGIC := LOVE
Instal­la­ti­on im öffent­li­chen Raum: alte Holz­lei­ter, zwei Papa­gei­en, zwei Käfige.

In der Lords­wood Road 44 befand sich das Haus der Fami­lie Pin­sent. Witt­gen­stein war hier zwei­mal zu Besuch, das ers­te Mal vom 4. auf 5. Okto­ber 1912 nach der Rück­kehr aus einem Urlaub mit David in Island und ein zwei­tes Mal von 6. bis 8. Okto­ber 1913, nach­dem er mit David in Nor­we­gen urlaub­te. Der 8. Okto­ber 1913 ist auch jener Tag, an dem sich bei­de das letz­te Mal in ihrem Leben sahen. Das Haus an der Lords­wood Road wur­de mitt­ler­wei­le abge­ris­sen. Abge­se­hen von einem klei­nen Abschnitt der Mau­er und zwei alten Bäu­men im Gar­ten erin­nert nur mehr wenig an die alte Zeit.

Die­se Arbeit bezieht sich auf den inne­ren Kampf von Witt­gen­stein und Pin­sent und ihr Leben zwi­schen Ver­nunft und Emo­ti­on, auf die „Notes on Logic“ und den berühm­ten letz­ten Teil des „Trac­ta­tus logi­co phi­lo­so­phi­cus“. Eine alte Holz­lei­ter wur­de an die Mau­er der Lords­wood Road 44 gelehnt. Hin­ter ihr waren zwei leicht kräch­zen­de Stim­men zu ver­neh­men, die abwech­selnd die Wör­ter „Love“ und „Logic“ von sich gaben. Wenn Pas­san­tIn­nen die Lei­ter empor­stie­gen und einen Blick über die Mau­er war­fen, konn­ten sie Geheim­nis der bei­den Stim­men lösen. Im Gar­ten unter­hiel­ten sich zwei spre­chen­de Papa­gei­en in ihren Käfi­gen. Wovon man nicht spre­chen kann, dar­über muss man schwei­gen. Logik und Lie­be sind nicht kompatibel.